Riester-Vertrag: behalten, umstellen oder wechseln? Vier Wege – und warum der Rentenfaktor entscheidet
Mit der Reform der privaten Altersvorsorge stellen sich Millionen Riester-Sparer die Frage: Was mache ich mit meinem Vertrag? Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an. Vier Wege – und die Kriterien, die wirklich entscheiden.
Riester oder neue Altersvorsorgeprodukte? Warum der genaue Blick entscheidet
Dieser Beitrag beruht auf Folge #71 des Fachpodcasts „Die Finanztrainer³“ (aufgezeichnet am 15. September 2026), in der ich als Experte für Financial Planning zu Gast war. Die Inhalte habe ich für Sie als Kundin und Kunde aufbereitet und mit aktuellen Quellen geprüft. Anhören: Apple Podcasts · Spotify · YouTube
Warum die Frage jetzt jeden Riester-Sparer betrifft
Ab dem 1. Januar 2027 gibt es das geförderte Altersvorsorgedepot. Bestehende Riester-Verträge laufen weiter – niemand muss handeln. Aber jeder kann jetzt entscheiden: behalten, in die neue Förderung umstellen oder wechseln.
Im Internet liest man dazu oft eine pauschale Empfehlung: „Raus aus dem alten Riester, rein ins Depot – da sind die Chancen größer.“ Diese Empfehlung schaut meist nur auf eine Zahl: das heutige Guthaben. Was sie übersieht, ist das, was ein älterer Vertrag Ihnen später verspricht. Und genau das kann viel wert sein.
Der unterschätzte Wert: der Rentenfaktor
Viele Riester-Rentenversicherungen enthalten einen Rentenfaktor. Er gibt an, wie viel Euro monatliche Rente Sie je 10.000 € Guthaben erhalten – lebenslang. Ältere Verträge haben teilweise Rentenfaktoren von 45 oder mehr.
Ein Beispiel: Bei 50.000 € Guthaben und einem Rentenfaktor von 45 erhalten Sie 5 × 45 € = 225 € im Monat, ein Leben lang – egal, ob Sie 80 oder 100 Jahre alt werden. Zusätzlich garantiert ein Riester-Vertrag zu Beginn der Auszahlung mindestens die eingezahlten Beiträge und Zulagen (§ 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 AltZertG).
Rechenbeispiel: lebenslange Rente oder Auszahlplan?
Wir vergleichen 50.000 € ab dem 65. Geburtstag: einmal als lebenslange Rente mit Rentenfaktor 45, einmal in einem Auszahlplan bis 85 – so, wie es das neue Altersvorsorgedepot vorsieht. Für den Auszahlplan unterstellen wir 3 % Rendite pro Jahr während der Auszahlung (eine Annahme, keine Prognose).
| Alter beim Tod | Rente, Faktor 45 225 €/Monat lebenslang | Auszahlplan bis 85 277 €/Monat |
|---|---|---|
| 80 Jahre | 40.500 € | 49.914 € |
| 85 Jahre | 54.000 € | 66.552 € |
| 90 Jahre | 67.500 € | 66.552 € |
| 95 Jahre | 81.000 € | 66.552 € |
Der Auszahlplan zahlt monatlich mehr – aber nur bis 85. Danach endet er. Die Rente zahlt weniger, dafür ohne Ende. In diesem Beispiel liegt der Wendepunkt bei etwa 89½ Jahren: Wer älter wird, hat mit der Rente mehr erhalten. Meine eigenen Berechnungen kommen bei Rentenfaktoren von 45 bis 50 je nach Annahmen auf einen Wendepunkt zwischen 88 und 95 Jahren.
Und wie alt werden wir? Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hatten 65-jährige Männer im Jahr 2025 im Durchschnitt noch 18,2 Jahre vor sich, Frauen 21,2 Jahre. Das sind Durchschnittswerte – viele Menschen leben deutlich länger. Niemand kennt sein eigenes Alter im Voraus. Genau deshalb gehört diese Frage ins Gespräch: Wie wichtig ist Ihnen eine Einnahme, die garantiert nicht endet?
Vier Wege für Ihren Riester-Vertrag
| Weg | Was passiert | Kann passen, wenn … |
|---|---|---|
| 1. Behalten, wie er ist | Vertrag und bisherige Riester-Förderung bleiben unverändert. | der Rentenfaktor gut ist, der Vertrag gut gelaufen ist oder der Rentenbeginn nah ist. |
| 2. Behalten, neue Förderung | Der Vertrag bleibt, per Erklärung gelten die neuen Förderregeln. | Sie den Vertrag schätzen, aber je nach Beitrag und Steuersatz von der neuen Förderung profitieren. |
| 3. Übertragen ins Depot | Das Guthaben wechselt in ein Altersvorsorgedepot. Die erhaltene Förderung muss nicht zurückgezahlt werden. | noch viel Zeit bis zur Rente bleibt und Ihre Ruhestandsplanung ohnehin nur bis 85 auf dieses Geld baut. |
| 4. Ruhen lassen, neu besparen | Das Riester-Guthaben bleibt, neue Beiträge fließen in einen neuen Vertrag. | der alte Vertrag im Minus steht, seine Garantie aber wertvoll ist. |
Zwei Details, die oft übersehen werden: Wer zusätzlich zum bestehenden Riester-Vertrag einen neuen Vertrag abschließt, für den gelten nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung automatisch auch für den bestehenden Vertrag die neuen Regeln. Und bei Riester kann in bestimmten Fällen, etwa bei kleinem Einkommen und Kinderzulagen, schon ein Eigenbeitrag von 60 € im Jahr für die volle Zulage genügen; in der neuen Förderung sind mindestens 120 € nötig – für manche Familien ist das alte Modell daher günstiger.
Zu den Kosten: Beim Wechsel können Wechsel-, Abschluss- und Vertriebskosten anfallen; sie sind gesetzlich begrenzt. Nach Angaben der Stiftung Warentest muss der bisherige Anbieter nach fünf Jahren einen kostenfreien Wechsel ermöglichen.
Vorsicht vor der schönen geraden Linie
Ein typisches Argument für den Wechsel klingt so: „Ihr Riester-Vertrag hat 17.500 € Guthaben. Mit 7,2 % pro Jahr verdoppelt sich das in zehn Jahren auf 35.000 €.“ Rechnerisch stimmt das. Nur: Kapitalmärkte entwickeln sich nicht wie eine gerade Linie.
Drei schlechte Jahre zur falschen Zeit
Zu Beginn der 2000er-Jahre fielen die Aktienmärkte drei Jahre in Folge. Wer damals kurz vor dem Ruhestand voll in Aktien investiert war, hatte ein deutlich kleineres Polster als geplant. Ein Riester-Vertrag dagegen schichtet vor Rentenbeginn in der Regel in sicherere Anlagen um, weil der Anbieter die Garantie erfüllen muss. Das kostet Renditechancen – schützt aber genau in solchen Phasen.
Wie stark der Zeitpunkt schlechter Jahre die Auszahlung beeinflusst, zeige ich im Beitrag „Die Auszahlphase“.
Ihre Checkliste vor der Entscheidung
Was Sie aus Ihrer Police brauchen
- Rentenfaktor: Wie viel Euro Rente gibt es je 10.000 € Guthaben – und ist er garantiert?
- Guthaben und Garantie: Wie hoch sind das aktuelle Guthaben und die garantierte Summe zu Rentenbeginn?
- Zeit bis zur Rente: Wie viele Jahre bleiben, um Kapitalmarktchancen zu nutzen?
- Hinterbliebene: Gibt es eine Rentengarantiezeit – und wie lang ist sie? Im Altersvorsorgedepot kann das Guthaben im Todesfall auf einen Vertrag des Ehepartners übertragen werden.
- Zusatzschutz: Enthält der alte Vertrag weitere Absicherungen, etwa bei Berufsunfähigkeit, die bei einem Wechsel entfallen würden?
- Förderung: Welche Variante bringt bei Ihrem Einkommen und Ihren Kindern die höhere Zulage oder Steuerersparnis?
Fazit
Es gibt gute Gründe, einen alten Riester-Vertrag zu behalten – und gute Gründe, ihn umzustellen. Die richtige Entscheidung hängt nicht vom Guthaben allein ab, sondern von Rentenfaktor, Garantie, Lebenserwartung, Familie und Ihrer gesamten Versorgung im Alter. Eine pauschale Empfehlung kann das nicht leisten. Bringen Sie Ihre Police mit – dann schauen wir gemeinsam, welcher der vier Wege zu Ihnen passt.
Die Modellrechnung ist vereinfacht (ohne Steuern, Kosten und Überschüsse) und dient nur der Veranschaulichung. Maßgeblich sind die Bedingungen Ihres Vertrags. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden.
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Quellen und Rechtsgrundlagen
- Deutsche Rentenversicherung: Bundesrat verabschiedet Reform der privaten Altersvorsorge (08.05.2026)
- Deutsche Rentenversicherung: Altersvorsorge-Reformgesetz
- Stiftung Warentest: Altersvorsorgedepot – was die Riester-Reform bedeutet (26.08.2026)
- Bundesfinanzministerium: Fragen und Antworten zur Reform der geförderten privaten Altersvorsorge
- § 1 Altersvorsorgeverträge-Zertifizierungsgesetz (AltZertG)
- Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 236 vom 7. Juli 2026 (Lebenserwartung 2025)
- Podcast „Die Finanztrainer³“, Folge #71 (Apple Podcasts)
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Er stellt keine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Rechenbeispiele sind vereinfachte Modellrechnungen ohne Gewähr. Stand: 12. Oktober 2026.
