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Entsparen im Ruhestand: Wie viel darf ich entnehmen – und wozu ein Polster dient

Jahrzehntelang sparen wir an. Doch wie viel darf man im Ruhestand jedes Jahr entnehmen, ohne dass das Geld zu früh endet? Was die Forschung von Prof. Martin Weber dazu zeigt – und warum ein Polster für die nächsten Jahre beruhigt, aber kein Allheilmittel ist.

Christian Siebold
CERTIFIED FINANCIAL PLANNER®
15. Oktober 2026 11 Min. Lesezeit
Sichtfeld · Grundlage

Forschung aus Mannheim

Dieser Beitrag stützt sich auf einen Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Martin Weber, Seniorprofessor an der Universität Mannheim und einer der bekanntesten Forscher zur Verhaltensökonomie in Deutschland, sowie auf das Buch „Die genial einfache Vermögensstrategie“. Die Inhalte habe ich in eigenen Worten für Sie aufbereitet und um meine Sicht als Finanzplaner ergänzt. Alle Quellen finden Sie am Ende des Beitrags.

Warum Entsparen schwerer ist als Sparen

Beim Sparen ist die Aufgabe klar: regelmäßig zurücklegen, breit anlegen, Zeit wirken lassen. Beim Entsparen kommen gleich mehrere Unbekannte zusammen: Wie lange werde ich leben? Wie entwickeln sich die Märkte? Wie hoch wird die Inflation? Und möchte ich etwas vererben?

Gerade die erste Frage wird unterschätzt. Nach den Zahlen im Vortrag wird rund jeder zweite 65-jährige Mann 85 Jahre oder älter, bei Frauen fast zwei von drei. Jeder achte Mann und mehr als jede fünfte Frau erreichen sogar 95. Wer seinen Ruhestand nur bis zur durchschnittlichen Lebenserwartung plant, plant für viele Menschen zu kurz.

Rente oder selbst entnehmen?

Die Finanzforschung kommt unter bestimmten Annahmen zu einem klaren Ergebnis: Wer nichts vererben möchte, sollte sein Kapital zu Rentenbeginn vollständig in eine lebenslange Rente umwandeln. Denn nur sie schützt sicher davor, dass das Geld vor dem Leben endet.

In der Wirklichkeit tun das nur wenige. Die Forschung spricht vom „Annuitäten-Puzzle“. Dafür gibt es gute Gründe – der Wunsch, etwas zu vererben, Reserven für schlechte Zeiten oder als ungünstig empfundene Rentenkonditionen – und menschliche Gründe: Die Angst, bei frühem Tod „alles zu verlieren“, und die Komplexität der Produkte. Viele Menschen entscheiden sich deshalb, ihr Vermögen selbst zu entsparen. Dann stellt sich die Frage: wie?

Drei Wege zu entsparen

Prof. Weber vergleicht drei Ansätze an einem Beispiel: 500.000 € Vermögen, 25 Jahre Entnahme, 1,5 % Inflation. Alle Beträge sind real, also in heutiger Kaufkraft.

Drei Entnahmestrategien im Vergleich (Beispiel nach Weber)
A1 · Sicher und konstantA2 · Riskant und konstantB · Riskant und flexibel
Anlage100 % sichere Anlage zu 3 %60 % Aktien weltweit, 40 % Anleihen60 % Aktien weltweit, 40 % Anleihen
Entnahmefester Betragfester Betrag: 5 % im ersten Jahr, dann mit der Inflation steigendwird jedes Jahr neu berechnet – je nach erzielter Rendite
Konsum pro Jahr23.717 €, garantiert25.000 €, solange das Geld reichtim Durchschnitt 35.670 € – in schlechten Verläufen aber nur rund 13.000 €, in guten über 70.000 €
Risiko, dass das Geld vorher endetkeinsrund 14 %keins – dafür schwankt der Lebensstandard
Am Ende übrignichtsim Durchschnitt viel – oft unnötig vielnichts

Die Tabelle zeigt den Kern: Ein höherer Lebensstandard ist nur mit mehr Risiko zu haben. Strategie A1 ist bequem und sicher, verschenkt aber Lebensqualität. Strategie A2 hält den Konsum stabil, riskiert aber die Pleite. Strategie B ermöglicht im Schnitt den höchsten Konsum, verlangt aber die Bereitschaft, in schwachen Jahren den Gürtel enger zu schnallen. Eine Obergrenze für die Entnahme – im Beispiel 45.000 € – glättet die Schwankungen und kostet kaum Konsum.

Interessant ist auch, wie Menschen wählen: In einer Studie mit rund 3.600 Teilnehmenden, überwiegend Lesern einer Wirtschaftszeitung, entschied sich knapp jeder Fünfte für A1, 29 % für A2 und 53 % für B. Wer finanziell gebildeter war und den Märkten mehr vertraute, wählte häufiger die riskanteren Wege.

Wie viel ist zu viel? Die Entnahmequote

Bei einer festen Entnahme entscheidet die Höhe über das Risiko. Die folgende Übersicht nach Weber zeigt für das Beispiel (500.000 €, 60/40, 25 Jahre), wie wahrscheinlich das Vermögen vorzeitig aufgebraucht ist:

Anteil der Verläufe, in denen das Geld vor 25 Jahren aufgebraucht ist
Entnahme im 1. Jahr3 % (15.000 €)4 % (20.000 €)5 % (25.000 €)6 % (30.000 €)7 % (35.000 €)
Pleitewahrscheinlichkeit0 %2 %14 %31 %55 %

Schon ein Prozentpunkt mehr verändert das Risiko deutlich. Umgekehrt hinterlässt eine sehr vorsichtige Entnahme oft ein großes Vermögen – das ist schön für Erben, aber vielleicht nicht für Sie, wenn Sie sich im Ruhestand mehr gegönnt hätten.

Was Menschen zurückhält

Warum legen viele Ruheständler ihr Geld lieber ganz sicher an, obwohl sie damit auf Lebensstandard verzichten? Die Forschung nennt mehrere Gründe: fehlendes Vertrauen in die Finanzmärkte, die Scheu, Aktien zu verkaufen, wenn man Geld braucht, die Verlustaversion – Verluste schmerzen stärker, als Gewinne freuen – und falsche Faustregeln wie „Aktienquote = 100 minus Lebensalter“.

Viel davon lässt sich entschärfen, wenn das Depot nicht allein tragen muss. Lebenslange Einnahmen – gesetzliche Rente, Versorgungswerk, Betriebsrente oder eine private Rente – sollten möglichst die Grundausgaben decken. Dann darf das Depot die flexiblen Ausgaben finanzieren und auch einmal schwanken, ohne dass der Alltag wackelt. Wie Sie das ordnen, zeige ich im Beitrag „Erst der Vorsorgecheck, dann der Vertrag“.

Wenn das Kümmern schwerer wird

Ein Punkt kommt in vielen Rechnungen zu kurz: Ein Entnahmeplan muss über 20 oder 30 Jahre gesteuert werden. Doch Lust und Fähigkeit, sich um Geldanlagen zu kümmern, nehmen mit dem Alter oft ab – und es gibt Phasen, in denen man es aus gesundheitlichen Gründen nicht kann, manchmal vorübergehend, manchmal dauerhaft.

  • Eine viel beachtete Studie von Agarwal, Driscoll, Gabaix und Laibson zeigt: Die Qualität finanzieller Entscheidungen erreicht im Durchschnitt um das 53. Lebensjahr ihren Höhepunkt und nimmt danach wieder ab.
  • Finke, Howe und Huston fanden: Das Finanzwissen sinkt im Alter, das Selbstvertrauen aber nicht – eine heikle Kombination.
  • Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Nach den dort verwendeten Häufigkeitsraten ist zwischen 80 und 84 Jahren etwa jede achte bis neunte Person betroffen, zwischen 85 und 89 jeder sechste Mann und fast jede vierte Frau.

Daraus folgt kein Pessimismus, sondern Vorsorge: eine Struktur, die auch dann funktioniert, wenn Sie sich nicht kümmern können oder wollen. Dazu gehören klare Regeln statt ständiger Einzelentscheidungen, lebenslange Einnahmen für die Grundausgaben, ein Polster für die nächsten Jahre und eine Vorsorgevollmacht, die auch Ihre Konten und Depots umfasst – sowie ein Mensch Ihres Vertrauens, der weiß, wie Ihr Plan funktioniert.

Hier setzt eine Idee an, die ich in vielen Gesprächen erlebe: das Polster.

Das Polster für die nächsten Jahre

Die Idee ist einfach: Die Entnahmen der nächsten drei bis fünf Jahre liegen sicher, etwa auf dem Konto oder im Geldmarkt. Der übrige Teil des Vermögens bleibt langfristig angelegt. Fallen die Börsen, wird nicht verkauft – man lebt aus dem Polster und gibt dem Depot Zeit, sich zu erholen. In guten Jahren wird das Polster wieder aufgefüllt.

Sichtfeld · Das Gefühl

„Die nächsten Jahre sind sicher.“

Das Polster trennt das Geld für den Alltag vom Geld, das schwanken darf. Wer weiß, dass Miete, Einkäufe und Urlaub der nächsten Jahre gedeckt sind, bleibt in einer Krise eher ruhig – und genau das ist oft der größte Wert.

Was sagt die Forschung? Die Ergebnisse sind ehrlich gesagt gemischt:

  • Estrada (IESE Business School, 2019) hat Polster-Strategien mit Daten aus 21 Ländern von 1900 bis 2014 getestet. Eine feste Mischung aus 50 bis 60 % Aktien, die jedes Jahr wieder auf ihr Verhältnis gebracht wird, schnitt im Durchschnitt besser ab. Der Grund: Ein Polster verkauft zwar keine Aktien in der Krise – es kauft aber auch keine nach, wenn sie günstig sind. Ein Polster von fünf Jahren erhöhte in seinen Daten sogar das Risiko.
  • Pfau und Kitces kommen zu einem anderen Blick: Ein Polster, das verbraucht wird, lässt die Aktienquote im Ruhestand ansteigen. Genau dieser Effekt – nicht das Polster selbst – senkte in ihren Rechnungen das Risiko, dass das Geld zu früh endet.

Für die Praxis heißt das: Ein Polster ist vor allem ein Werkzeug für gute Entscheidungen. Ob es auch rechnerisch hilft, hängt davon ab, wie groß es ist, wie es wieder aufgefüllt wird und wie das übrige Vermögen angelegt ist. Wer ein Polster bildet und gleichzeitig zu vorsichtig investiert, verschenkt Rendite.

Das Polster in beide Richtungen

Meist wird das Polster nur in eine Richtung gedacht: In guten Börsenjahren werden Gewinne aus Aktien ins Polster umgeschichtet. Man kann es aber auch umgekehrt nutzen: Fallen die Kurse deutlich, wird ein Teil des Polsters in Aktien investiert – man kauft nach, wenn es günstig ist. Kombiniert mit Webers flexibler Strategie B entsteht ein Gedanke, der vielen gefällt: Ich entnehme mehr, wenn es gut läuft, verzichte etwas, wenn es schlecht läuft – und nutze schwache Phasen, um nachzukaufen.

Was sagt die Forschung dazu?

  • Regelmäßiges Wiederherstellen der Aufteilung (Rebalancing) macht genau das automatisch: Nach Kursverlusten werden Aktien nachgekauft. Estrada sieht darin den Hauptgrund, warum feste Mischungen in seinen Daten besser abschnitten als reine Polster-Strategien.
  • Guyton und Klinger (2006) haben feste Entscheidungsregeln entwickelt, sogenannte Leitplanken: Entnahmen steigen, wenn das Depot gut läuft, und werden gekürzt, wenn es zu stark gefallen ist; außerdem wird in schlechten Jahren nicht aus der gefallenen Anlageklasse entnommen. Mit solchen Regeln und mindestens 65 % Aktien waren in ihren US-Daten anfängliche Entnahmen von 5,2 bis 5,6 % tragfähig.
  • Gezieltes Nachkaufen „im Tief“ ist dagegen schwerer, als es klingt: Eine bekannte Auswertung mit US-Aktiendaten seit 1920 zeigt, dass selbst ein Anleger, der jeden Tiefpunkt im Voraus kennt, in über 70 % der 40-Jahres-Zeiträume schlechter abschnitt als jemand, der einfach regelmäßig investiert.

Mein Zwischenfazit: Ein Polster, das in schwachen Phasen behutsam nachkauft, ist im Kern eine Form von Rebalancing mit Regeln – und das hat in der Forschung gute Argumente. Taktisches Timing auf den richtigen Moment ist dagegen unzuverlässig. Die Effekte sind eher klein, emotional aber oft groß: Wer in der Krise mit einem Plan nachkauft, statt zu verkaufen, bleibt handlungsfähig. Wichtig ist eine Untergrenze, damit das Polster nicht zu schnell leer wird.

Sichtfeld · In Arbeit

Polster oder feste Mischung – mit echten Zeitreihen

Ich arbeite an einer Auswertung mit echten Marktdaten: eine feste 60/40-Mischung im Vergleich zu einem rollierenden Polster von drei bis fünf Jahren – auch mit Nachkauf-Regel und flexibler Entnahme. Die Ergebnisse bespreche ich gern mit Ihnen, bezogen auf Ihre eigene Situation.

Ihre Fragen für die Planung

Zum Nachdenken

Was zu Ihnen passt

  • Wie wichtig ist Ihnen ein stabiler Lebensstandard – und könnten Sie in schwachen Jahren etwas weniger ausgeben?
  • Welcher Teil Ihrer Ausgaben ist bereits durch lebenslange Einnahmen gedeckt?
  • Bis zu welchem Alter möchten Sie planen – 85, 90 oder 95?
  • Wie viele Jahre sicheres Polster brauchen Sie, um bei fallenden Kursen ruhig zu bleiben?
  • Möchten Sie etwas vererben – und wie viel?

Wie Sie lebenslange und flexible Einnahmen kombinieren, lesen Sie in „Die Auszahlphase“ und in „Immobilie, Rente oder Depot?“.

Fazit

Entsparen ist eine Abwägung zwischen Sicherheit und Lebensstandard. Mehr Konsum gibt es nur mit mehr Risiko – sei es das Risiko, dass das Geld zu früh endet, oder das Risiko, dass der Lebensstandard schwankt. Wie Prof. Weber betont, helfen dabei ein breit gestreutes, kostengünstiges Portfolio und eine langfristige Planung. Entscheidend ist der Blick auf die Abwägungen – nicht auf ein einzelnes Produkt. Ein Polster für die nächsten Jahre kann dabei helfen, ruhig zu bleiben. Wie groß es sein sollte und wie das übrige Vermögen angelegt wird, gehört in eine individuelle Planung.

Die genannten Zahlen stammen aus den Modellrechnungen und Studien der genannten Quellen und beruhen auf historischen Daten und Annahmen. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden.

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Quellen und Rechtsgrundlagen

  1. Weber, Martin: Entsparen im Ruhestand. Vortrag, Universität Mannheim, 21. September 2023 (gemeinsame Arbeiten mit Prof. Dr. Philipp Schreiber)
  2. Weber, Martin; Jacobs, Heiko; Laudenbach, Christine; Müller, Sebastian; Schreiber, Philipp: Die genial einfache Vermögensstrategie – So gelingt die finanzielle Unabhängigkeit. Campus Verlag, 2020
  3. Kieren, Pascal; Weber, Martin (2022): When saving is not enough – wealth decumulation in retirement. Journal of Pension Economics and Finance, 21, 446–473
  4. Estrada, Javier (2019): The Bucket Approach for Retirement: A Suboptimal Behavioral Trick? IESE Business School
  5. Guyton, Jonathan T.; Klinger, William J. (2006): Decision Rules and Maximum Initial Withdrawal Rates. Journal of Financial Planning, März 2006
  6. Maggiulli, Nick: Even God Couldn’t Beat Dollar-Cost Averaging (Of Dollars and Data)
  7. Agarwal, Sumit; Driscoll, John; Gabaix, Xavier; Laibson, David: The Age of Reason – Financial Decisions over the Life Cycle (Pension Research Council Working Paper 2007-13)
  8. Finke, Michael; Howe, John; Huston, Sandra: Old Age and the Decline in Financial Literacy. Management Science (Zusammenfassung)
  9. Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Infoblatt 1 – Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen
  10. Pfau, Wade; Kitces, Michael: Reducing Retirement Risk with a Rising Equity Glide Path (Zusammenfassung)

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Er stellt keine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Rechenbeispiele sind vereinfachte Modellrechnungen ohne Gewähr. Stand: 15. Oktober 2026.

Porträt Christian Siebold
Über den Autor

Christian Siebold

CERTIFIED FINANCIAL PLANNER®, Zertifizierter Finanzcoach (FH) und Generationenberater (CU) in Bayreuth. Ich übersetze Zahlen in Lebensziele – individuell, nachhaltig und vernetzt.

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